„Bunt ohne Braun“ nennt sich ein Aktionsbündnis gegen Rechts im Landkreis Darmstadt-Dieburg, das sich am Donnerstagabend in der ehemaligen Synagoge in Pfungstadt gegründet hat.

Gründung Bunt-ohne-Braun in der ehemaligen Synagoge Pfungstadt

Ein Bündnis gegen Rechts wurde in der ehemaligen Synagoge in Pfungstadt gegründet, Der Kreistagsabgeordnete Friedrich Battenberg (links stehend) sprach vor 60 Zuhörern zur Gründungserklärung. Foto: Claus Völker


PFUNGSTADT. „Engagierte Menschen guten Willens“ schließen sich zu einem Aktionsbündnis zusammen, weil sie das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen und Glaubensgemeinschaften durch Rassismus und Rechtsradikalismus in Gefahr sehen. Das Schicksal von Millionen Opfern der Hitlerdiktatur seien Mahnung und Auftrag zugleich, heißt es in der Gründungserklärung, die am späten Abend nach langer Diskussion des Papiers von den rund
60 Anwesenden einstimmig verabschiedet wurde.

Landrat Klaus Peter Schellhaas sprach von einem „besonderen Tag“ für den Landkreis, dankte allen, die das Bündnis mit Leben füllen. Er fühle sich gut, weil es von nun an ein Bündnis gegen Rechts gebe, „Menschen, die sich finden und aufstehen, wenn Dinge geschehen, die nicht geschehen dürften“, sagte Schellhaas stellvertretend für die komplett anwesende Kreisspitze mit den hauptamtlichen Beigeordneten Rosemarie Lück und Christel Fleischmann sowie der Kreistagsvorsitzenden Dagmar Wucherpfennig. Und zur Gründung hätte es keinen besseren Ort geben können, als die frühere Synagoge, sagte Schellhaas.

Weshalb das jüdische Gebetshaus in Pfungstadt als einziges im Landkreis überhaupt die Nazi-Herrschaft überstanden hat, erklärte der Pfungstädter Bürgermeister Patrick Koch. Als die braunen Horden die Synagogen in der Pogromnacht landauf, landab in Flammen aufgehen ließen, habe sich ein Pfungstädter Landwirt schützend vor das Haus gestellt, weil er um seine mit der Ernte gefüllte Scheune fürchtete, wenn die benachbarte Synagoge angezündet würde.

Der Kreistag hatte auf einen Impulse der Linken einstimmig eine Arbeitsgruppe gegen Rechtsextremismus initiiert, die im November vergangenen Jahres Vertreter von Kommunen, Organisationen, Vereinen, Verbänden und Glaubensgemeinschaften an einen runden Tisch gegen rechte Gewalt bat. Ziel war die Bildung eines Aktionsbündnisses, das von bürgerschaftlichem Engagement getragen wird und sich gegen rechtsextreme Aktivitäten im Kreis richten soll.

Verunglimpfende Schmierereien

Der äußeren Befreiung vom 8. Mai 1945 solle eine innere Befreiung von nationalsozialistischem Gedankengut und von nationalistischem Denken zulasten von Ausländern folgen, formulierte der Kreistagsabgeordnete Friedrich Battenberg von den Grünen. Er habe in Erzhausen an einem Schaukasten der CDU Verunglimpfungen der Kanzlerin als „Volksverräterin“ und nationalistische Parolen gefunden. Das zeige, „dass rechtsextremes und antisemitisches Denken in unserem Landkreis nach wie vor grassieren“, denn derartiges sei nicht nur in Erzhausen zu beobachten. Wer glaube, die rechtsradikale Szene mache einen Bogen um den Kreis, irre gewaltig, sagte Battenberg.

Die Vorsitzende des Kreisausländerbeirats, Hülya Lehr aus Münster, sprach vom „Monstrum Nationalsozialismus“. Wer glaube, es sei ausgestorben, täusche sich. Es habe sich in die Gesellschaft „eingenistet“, wie das Beispiel NSU zeige, der bis vor Kurzem sein Unwesen treiben konnte. Für Dagmar Wucherpfennig ist der Beschluss der Gründungserklärung ein Erfolg: „Das Bündnis wird schnell auf lokale rechtsextreme Aktivitäten im Landkreis reagieren können und diesen etwas entgegensetzen. Ich freue mich, dass sich Akteure gefunden haben, die bereit sind, ehrenamtlich in dem Bündnis aktiv mitzuarbeiten und sage ihnen schon jetzt die Unterstützung der Akteure des Kreistags zu“, sagte die Vorsitzende des Kreistags.
Tobias Morauf, Sprecher des Schuldorfs Bergstraße, berichtete bewegt von den spontanen Reaktionen der Schüler darauf, dass mit im Landkreis gestohlenen Stolpersteinen wider das Vergessen Fenster des Seeheim-Jugenheimer Rathauses eingeworfen worden waren. Die Lichterkette in SeeheimJugenheim sei ein stiller Protest gegen „diese Schweinerei“ und ein bemaltes Banner vorm Rathaus ein Zeichen des Zusammenhalts der Gemeinde gegen die rechten Umtriebe gewesen.

Es wurde ein Sprecherrat für das Aktionsbündnis gewählt, der Aufgaben und Ziele des Bündnisses – wie die Organisation von Veranstaltungen sowie Aufklärungs- und Präventionsaktionen an Schulen und in Vereinen – voranbringt. Sprecher des Bündnisses sind Renate Dreesen aus Pfungstadt, Hülya Lehr aus Münster, Walter Busch Hübenbecker aus Pfungstadt, Torsten Leveringhaus aus Seeheim-Jugenheim und Gerhard Schröder aus Dieburg. Die Volkshochschule Darmstadt-Dieburg wird das Bündnis weiterhin organisatorisch unterstützen.

Darmstädter Echo vom 09. Mai 2014